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Cut (Me) Up. Über "Seciron_Ra".

Thomas Ballhausen, 2004

In diesem, mit dem Unheil verkündenden Titel "Seciron_Ra" versehenen, Film bekommen wir die erweiterte, offensivere Programmatik reMIs zu sehen und zu spüren. Nicht zufällig wurde in dieser Arbeit v.a. auf den Horrorfilm der Siebziger Jahre, der durch seine ästhetische Beschaffenheit künstlerische Avantgarde und klassisches Genrekino gleichermaßen prägte, als Ausgangsmaterial zurückgegriffen.

Das gebotene Körperkollektiv, das vor unseren ikonophagen Augen in eine entindividualisierte Masse verwandelt wird, gleicht einer namenlosen, modernisierten Variante des leidenden Laokoon und seiner Söhne. Doch keine klar definierte, mythologisch verbrämte Entität ist hier noch am Werk - die Allegorisierungen unserer schlimmsten Ängste und Befürchtungen haben Gestalt angenommen um mit unvergleichlichem Terror der Vernichtung und Auslöschung über uns herein zu brechen.
Der Prozess der umfassenden Zerstörung geht dabei auf mehreren, mit einander verkoppelten Ebenen von statten. Neben überblendungen, die über ein Spiel mit Textpassagen und Standbildern eine Vielzahl eigenständiger Palimpseste hervorbringen, ist der Cut das - sowohl auf formaler, als auch auf inhaltlicher Ebene - deutlichere Gestaltungsmittel. Zusammen mit dem dominanten Ton gerät auf diesem Wege das explizite Bild aus den Fugen: Die angedeutete Perforation mutiert zum wilden, eigenständigen Maul, die Geister des Kinos zehren von ihren willigen Opfern.
Die Körper, denen in klassischer Splatter-Manier eine Vielzahl neuer Öffnungen hinzugefügt werden, verkommen zu Schlachtfeldern: Klassische Ekelgrenzen werden überschritten und wie Melusines achter Sohn, der den bezeichnenden Namen Horrible trägt, wird dann plötzlich mit drei schrecklichen Augen in eine höllengleiche Gegend gestarrt, in die kein ausgeschilderter Eingang hineinführt und aus der es auch kein Entkommen zu geben scheint. Gemäß der fortschreitenden Methode weiterführender Schnitte gelangt man über "identitäts- und lebensvernichtenden Enthäutungsmythen" (R. Schenda) über eine Vielzahl verzerrter Münder, "Vertiefung[en], welche die widrigste[n] Wirkung[en] von der Welt [tun]" (G.E. Lessing), schließlich zum eigentlichen Kern der gnadenlosen Vivisektion: dem Auge.
War mit der Verletzung des Gesichts schon an der Identität und Kohärenz der gezeigten Subjekte gekratzt worden, wird mit der wiederkehrender Sequenz einer in ein Auge eindringenden Bohrmaschine die Auflösung der Figuren auch auf uns übertragen. Auf direktem Weg über die "Spiegel der Seele" (E. Binet) wird das Unheil gewaltsam in unser Gehirn eingeschrieben: Auch wir werden nicht verschont, keine beschönigende Lösung befreit uns aus Verfall und Grauen.